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Auszug aus HH 3/2000, S. 27-28


» Doktor Witte «
Technischer Oberinspektor
und Astrologe

Von Carl-Otto Fleischhauer, Hamburg

Alfred Witte war Oberinspektor in der Abteilung Mitte II des Vermessungsamtes Hamburg. Er war ein Sonderling und benahm sich auch dementsprechend. Heute nach 50 Jahren glaube ich, dass er sich möglicherweise als Außenseiter darstellte, um sich zu tarnen. Als "verrückter Alter" hatte er für manches, was er sagte und tat, einen größeren Freiraum. Witte war ein berühmter Astrologe, der vereinfachte Rechenformeln für Horoskope entwickelt hatte. Auch unter Astrologen noch heute berühmte Bücher tragen seinen Namen.

Witte war kein Nazi. Ob er das Parteiabzeichen der NSDAP trug, vermag ich nicht zu sagen. Das trug damals fast jeder Staatsdiener. Der Parteizugehörigkeit konnten sich Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst damals ab 1937 kaum entziehen. Es fällt schwer, sich diese und andere Zwiespälte in Wittes Leben vorzustellen.

Es hieß 1940/41, als ich Witte begegnete, dass es ihm von der Gestapo, der geheimen Staatspolizei, verboten worden sei, sein astrologisches Observatorium zu betreten und Horoskope zu stellen. Er soll sich jede Woche im Stadthaus (Ecke Stadthausbrücke-Neuer Wall) haben melden müssen.

Rein äußerlich wirkte Witte sehr ungepflegt. Seine Papierkragen, Vatermörder mit Ecken vorn ungeknickt, hatten meist einen schwarzen Rand. Ebenso seine Fingernägel. Sein Haar war grau und zottelig lang. Er trug meistens zwei Brillen, die er in folgenden Kombinationen je nach Bedarf benutzte:

1.Keine Brille, dann beide vor der Stirn.
2.Brille eins vor den Augen; Brille zwei vor der Stirn,
3.Brille zwei vor den Augen; Brille eins vor der Stirn,
4.Beide Brillen vor den Augen auf der Nase.

Das wirkte natürlich komisch. Ich habe mich jedoch einige Jahre später selbst einmal ertappt, als ich mich mit zwei Brillen behalf, um etwas sehr klein Gedrucktes zu betrachten. Schließlich hatte Witte noch einen hampeligen Gang; so wie einer, der beide Arme beim Gehen im gleichen Takt bewegt.

An einem Augusttag im Jahre 1941, ich glaube, es war ein Montag, war Witte nicht zum Dienst erschienen. Gegen Mittag kam dann Wittes Schwager ins Amt und erklärte, dass dieser Selbstmord durch Erhängen begangen habe. Es hieß, er soll sein versiegeltes Observatorium aufgebrochen, sich noch ein Horoskop gestellt und anschließend den Freitod gewählt haben. Es wurde berichtet, er habe Frau und noch unmündige Kinder zurückgelassen. Da er noch als Beamter gestorben war, hatte er seinen Hinterbliebenen den Pensionsanspruch erhalten. Der Freitod war in Fällen, wo aufgrund eines Verfahrens die Entfernung aus dem öffentlichen Dienst drohte, der einzige Weg, um als Ehrenmann seinen Lieben die erworbenen Versorgungsrechte zu erhalten, wurde damals behauptet.

Zu der Zeit saßen Hans Schönemann und ich im Zimmer neben Witte im Gotenhof, und es blieb nicht aus, dass wir von den Vorgängen um Witte Kenntnis bekamen. Nun nach 50 Jahren drängt es mich, der Nachwelt einiges von diesen Ereignissen, so wie ich sie erlebte, zu berichten. Schließlich geht man nicht so ohne weiteres freiwillig aus dem Leben. Was mag wirklich dahinter gesteckt haben? Vieles ist merkwürdig, unverständlich und geheimnisvoll, andererseits belustigend bis lächerlich um diesen Mann. Wer war er wirklich? [...]


Mehr erfahren Sie aus dem HH 3/2000, S. 27-35


Dieser Artikel ist der Schrift:

»Alfred Witte -Landmesser und Astrologe-
und die Heß-Affäire«

entnommen, welche im Januar 2004 bei Michael Feist (Edition Astrologic) erschien.

Mit freundlicher Genehmigung
und Unterstützung durch den Autor.


(c) 2000 Michael Feist