|
Als Goethes Leben sich seinem Ende zuneigte, wurde die letzte Vorlesung über Astrologie in Deutschland an der Universität Erlangen gehalten. Die Astrologie mußte dem aufkommenden naturwissenschaftlichen Denken weichen. Trotzdem dieses Denken unser heutiges Dasein beherrscht, erlebte diese alte Wissenschaft nach der Jahrhundertwende eine gewaltige Auferstehung. Hier ist scheinbar ein Widerspruch vorhanden. Um ihn zu klären, muß man schon weit zurückgreifen.
Die menschliche Bewußtseinslage war im Altertum nicht naturwissenschaftlich ‑ von der Ursache zur Wirkung ‑ sondern magisch ausgerichtet: vom Grund zur Folge oder auch über das Mittel zum Zweck. Dem entsprach seine Astrologie.
Für den Naturwissenschaftler ist die Welt kausal geordnet: gleichen Ursachen entspringen auch gleiche Wirkungen, ebenso besteht aber auch für das magische Bewußtsein die finale Beziehung, wonach bei gleichem Grund sich analoge Folgen einstellen müssen. Alles Dasein hat seinen Grund in der göttlichen Schöpferkraft. So müssen Gestirnwandel und Menschenschicksal aus dem gleichen Grunde kommend auch Gleichheiten in den Folgewirkungen aufweisen. Solange dieses Bewußtsein herrschend war, war die Astrologie eine ganz natürliche Erscheinung. Somit wäre ihre Ablehnung durch die Naturwissenschaft und die von ihr Beeinflußten hinreichend erklärt. Keinesfalls gibt das aber die Erklärung für ihren heutigen Siegeszug. Aus dem Lager der Gegner hören wir zwar die Behauptung, daß das Umsichgreifen des astrologischen Aberglaubens nur ein Zeichen für die Krankheit unseres gegenwärtigen Lebens sei, verbunden mit weitgreifender Auflösung der religiösen Bindungen. Es wäre also der Gestirnglaube nur eine Art Ersatzreligion. Zur Auflösung aller alten religiösen Bindungen geselle sich noch die Haltlosigkeit für viele in wirtschaftlicher Beziehung: alle Voraussetzungen wären also gegeben, um einem Aberglauben, wie es die Astrologie nach der Meinung ihrer Gegner ist, Tür und Tor zu öffnen. Sobald die Verhältnisse sich wieder stabilisiert haben, würde auch dieser Aberglaube von selbst verschwinden.
Zugegeben, daß viele sich mit Astrologie beschäftigen weil einerseits ihre angelernte Religion ihnen keinen Halt mehr gibt, andererseits diese Menschen oft auch wirtschaftlich nicht genügend gesichert sind und darum aus den Sternen errechnen möchten, wann für sie der Geldsegen aus dem großen Los sich einstellt. Ausreichend ist damit die neuerliche Ausbreitung der Astrologie allerdings nicht erklärt. Gehen wir zunächst auf den philosophischen Zusammenhang der kausalen und finalen Weltbetrachtung etwas näher ein. Über ihre neuerliche Ausbreitung vermag die Astrologie für sich und über sich selbst Zeugnis abzulegen. Doch davon später.
Wenn man einen Naturwissenschaftler fragt, in welcher Weise die Vorgänge in der Natur verknüpft sind, wird er zur Antwort geben, daß das durch die Kausalität gegeben ist. (Band von Ursache und Wirkung). Kommt man einem solchen Vertreter der modernen Wissenschaft nun mit Astrologie, so wird er sofort antworten, daß die Astrologie Aberglauben sein müsse, weil zwischen dem Lauf der Sterne am Himmel und dem menschlichen Geschick auf Erden kein ursächlicher Zusammenhang bestünde und auch nicht bestehen könnte. In dieser Einstellung fühlt sich der moderne Wissenschaftler, soweit er die Astrologie nicht einer Prüfung unterzogen hat, unendlich erhaben über den astrologischen Schwindel und merkt leider nicht, daß er damit nur seinen Mangel an philosophischer Bildung offenbart. Das kausale Denken hat sich derartig durch die materialistische Naturwissenschaft in den Vordergrund gedrängt, daß man die in genau gleichem Maße vorhandene finale Verbindung der Naturvorgänge nicht mehr sieht oder nicht mehr sehen will. Die modernen Atomforscher glauben ...
9
|