(c) 1997-2009 Witte-Verlag
 

von Brigitta Klose

 

 
"Wege der Astrologie"

Von Christoph Schubert-Weller
Chiron Verlag

Buchbesprechung aus: "Hamburger Hefte" 3/96 
 

  Im Untertitel des Buches lesen wir "Schulen und Methoden im Vergleich", und in der Vorbemerkung zu seinem Buch stellt Schubert-Weller fest, daß es die Astrologie nicht gibt, sondern nur verschiedene Schulen und Richtungen, "von denen wohl die beiden wichtigsten die Revidierte Klassik und die Hamburger Schule sind."

Aus dem Inhalt:

  • Die Grundlagen der Astrologie in der Diskussion.
  • Die klassische Astrologie
  • Die Determinationen nach Morin
  • Theosophische Astrologie
  • Kosmobiosophische Gesellschaft
  • Astrologie nach Bernd A. Mertz
  • Astroskriptanalyse
  • Johannes Vehlow
  • Transpersonale Astrologie nach Roscher
  • Heinrich Kündig
  • Astropsychotherapie nach Hermann Meyer
  • Astroenergetik nach Taeger
  • Münchner Rhythmenlehre nach Döbereiner
  • Huber-Schule (API)
  • Hamburger Schule
  • Kosmobiologie nach Ebertin
  • Indische Astrologie
  • Schulen der esoterischen Astrologie.

Daß eine solche Übersicht nicht schon längst veröffentlicht wurde, wundert sehr. Aber die Astrologen sind zumeist einer bestimmten Schule oder eigenen Varianten dieser Schule verpflichtet und vergessen über der Rechtfertigung dieses ihres Weges, daß viele Wege nach Rom führen. So ist es sehr zu begrüßen, daß ein kompetenter Vertreter unserer Zunft sich daran gemacht hat, die einzelnen Richtungen zu beschreiben, Vor- und Nachteile aufzuzeigen, soweit sie sich ihm erschließen, und im Vergleich auch die Grenzen zu weisen, die sich der Astrologie allgemein stellen.

Es sei erinnert an bisherige Arbeiten von Dr. Christoph Schubert-Weller, die in den Hamburger Heften besprochen und teilweise auch abgedruckt wurden: "Die astrologische Geburtszeitkorrektur" und "Spricht Gott durch die Sterne?"

Obwohl Vertreter der Revidierten Klassik, hat er sich mit der Hamburger Schule intensiv auseinandergesetzt. Auf seinen Antrag hin wurde innerhalb des DAV eine "Sektion Hamburger Schule" gegründet (siehe "Kurz notiert" in HH 4/95).

So setzt er sich auch dafür ein, die Arbeitsweise der Hamburger Schule zu verbreiten, und erteilt Unterricht. Das hindert ihn nicht, sie kritisch zu durchleuchten. Schauen wir uns einige Punkte an!

  1. Er weist darauf hin, daß Alfred Witte stark ereignisorientiert war und so, mit den Ergebnissen der traditionellen Astrologie unzufrieden, eine neue Herangehensweise mit neuartigem Arbeitsmaterial schuf. Diese starke Ereignisverhaftung, wie sie auch in der traditionellen Astrologie üblich war, hat die Revidierte Klassik zugunsten einer psychologischen Sichtweise abgebaut, was die Betrachtung eines Geburtsbildes und die sich daran anschließende Beratung grundlegend verändert, sie vor allen Dingen fruchtbarer für den zu Beratenden gestaltet.

    Er räumt allerdings ein, daß die Hamburger Schule in den letzten Jahren "eine durchaus psychologische Wende versucht hat. Hier ist im wesentlichen auf die Schriften von Ruth Brummund hinzuweisen, vor allem auf ihren großen Versuch, eine Neufassung des Regelwerkes aus psychologischem Geist anzubieten." S.264

    Wie Schubert-Weller schon selbst vermerkt, hat sich in den letzten Jahren ein Wandel von der ereignisbezogenen zur psychologischen Betrachtungsweise des Horoskops vollzogen, was in diesem Heft auch wieder in dem Artikel von

    Helga Blume-Matzke zum Ausdruck kommt.
    Man kann feststellen, daß sich die Betrachtungsweise des Horoskops als Persönlichkeitsbild und Lebensplan allgemein durchgesetzt hat.

    Auch in der Praxis der Hamburger Schule wird die Beratung eines Horoskopeigners als Lebenshilfe aufgefaßt, die Fähigkeiten aufzeigt, auf Schwierigkeiten hinweist und die sich daraus ergebenden Aufgaben aus dem Gefüge des Horoskops zu erschließen versucht. Außerdem schaut auch die Revidierte Klassik Ereignisse an. Im Buch bringt Schubert-Weller selbst das Beispiel einer Eheschließung, die im Solar und auch im Transit untersucht wird. Er gibt zu: "[...] auch die astrologische Prognose nach der Revidierten Klassik ist sich des Zusammenhangs zwischen innerer Entwicklung und äußerem Lebensgang bewußt." S.70

    Der Unterschied der Schulen in diesem Bereich scheint mir heute nicht mehr relevant zu sein.

  2. "Die zweifellos stärkste Herausforderung der Hamburger Schule liegt in der Annahme von acht zusätzlichen Wirkpunkten im Horoskop, den Transneptunern." S.237

    Hier überlegt er: "Warum, so kann man mit Recht fragen, wurde da nicht schon Pluto vor seiner astronomischen Sichtung als 'Transneptunplanet' erkannt?" S.238

    Das gesamte Entdeckungsverfahren gibt ihm Anlaß zur Skepsis.

    Die Transneptuner sind eine Herausforderung, und mystische Erklärungsversuche über intuitive Findungen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß man sie bisher nicht physikalisch orten konnte. Hier bleibt nur der Hinweis auf die Arbeit mit diesen Wirkpunkten, die häufig das Endglied für eine schlüssige Horoskopaussage bilden und damit beweisen, daß sie im Konzept des Horoskops eine wichtige Rolle spielen können.

    Ich verweise auch auf neuere Arbeiten, z.B. von Herrn Singer, oder auch die Ratschläge von Ludwig Rudolph, die zu einem vorsichtigen Umgang mit den TN mahnen.

  3. Auch die Symbolisierung der Transneptuner als "gewissermaßen überindividuelle Prinzipien" ruft seine Kritik hervor. Er meint, daß nach der Philosophie der Hamburger Schule hier das Kollektive in das individuelle Horoskop einbricht, und dem vermag er nicht zu folgen; "denn das Überindividuelle, Kollektive bricht ja keineswegs in allen Horoskopen und bei allen Individuen in gleicher Weise [...] ein. Aber alle Horoskope haben auch acht Transneptuner im Bild." S.238

    Diese Symbolisierung der Transneptuner sehe ich nicht in philosophischen Überlegungen, sondern in ihrem extrem langsamen Umlauf begründet. Dadurch stellen sie sich in Horoskopen einer ganzen Generation in gering verschobenen Positionen dar und können in Bildern, die sie untereinander formen, nur als Generationskonflikte gedeutet werden.

    Daß dennoch der "Einbruch des Kollektiven in das individuelle Horoskop" jeweils ganz individuell erfolgt und abzulesen ist, ergibt sich aus der Gesamtstellung der TN zu den persönlichen Punkten und den übrigen Faktoren.

    Hier greift m.E. der Vorwurf von Schubert-Weller nicht.

  4. Die These, daß es sich bei den Transneptunern um "feinstoffliche Planeten" handelt, bezeichnet er als "esoterische Spekulation" und ist der Ansicht, daß Astrologie zwar eine weltanschauliche, religiöse oder esoterische Einbettung brauche, daß aber diese Gedanken nicht zur Begründung des astrologischen Wissensstandes herangezogen werden dürften.

    Wenn die TN als 'feinstoffliche Planeten' "esoterische Spekulation" sind und aus dem jeweiligen religiösen oder esoterischen Weltbild entnommene Begründungen für den astrologischen Wissensstand als unzulässig zurückgewiesen werden, muß man allerdings fragen: Wie begründet die Revidierte Klassik astrologische Schlußfolgerungen überhaupt? Wie erklärt sie den Zusammenhang von Sternenlauf und Menschenschicksal? Hier gibt er selbst im Kapitel über die Revidierte Klassik zu: "Es wäre ehrlicher, wenn man als Astrologe sagte, daß man sich bemühte, Astrologie möglichst nahe an den astronomischen Gegebenheiten zu betreiben [...] Der astrologische Grundgedanke mag für einen Astronomen weltanschaulich nachvollziehbar sein; aus der Astronomie selbst ist er nicht zu begründen.", S.80

  5. "Die ausgefeilte und komplexe Technik der Hamburger Schule ermöglicht eine sehr ins Detail gehende Betrachtung des Horoskops." S.250
    Aber durch die Fülle von Halbsummen- und Summenpunkten, von sensitiven Punkten sieht er sich schier erschlagen und stellt fest: "In der Fülle der möglichen Kombinationen und Informationen verliert man [...] rasch den Überblick."

    Er schränkt allerdings selbst ein, "[...] wenn man damit nicht richtig umgeht." S.250/264

  6. Die Vielzahl der möglichen Kombinationen wird in der Tat oft von Kritikern und Anfängern angesprochen. Der erfahrene Astrologe weiß sich jedoch auf das Wesentliche zu beschränken. Die Vielfalt ist dabei kein Manko, sondern die wahre Stärke der HS-Technik, sofern man sie versteht anzuwenden. Halbsummen und Summen sind lediglich unterschiedliche Herangehensweisen an die gleiche Horoskopstruktur. Bereits in den 30er Jahren hat Ludwig Rudolph darauf hingewiesen, daß wenn von der Summe die Rede ist, eigentlich die Halbsumme gemeint ist. Bei der Verwendung der Summe sparte man sich zu der Zeit, wo weder Taschenrechner noch Computer bekannt waren, lediglich den Rechengang der Halbierung (s.a. HH 3/94).

    Daß selbst komplexe Halbsummen - Strukturen systematisch analysiert werden können, zeigt die s.g. Hierarchiebetrachtung. Diese ist eine Ordnung der Faktoren und Halbsummen, die eine nach Schwerpunkten gegliederte Arbeit ermöglicht. Ich verweise hier auf das Computer-Programm von Michael Feist und auf die Artikel von Bernd Singer, in denen die Arbeit mit der Hierarchie vorgestellt wird.

  7. "Die arithmetischen Operationen am Horoskop, also die Ermittlung von Halbsummenpunkten und Summenpunkten, lassen sich astronomisch nicht begründen." S.250

    Dennoch betont er, wie schon im Zusammenhang mit den Transneptunern, "daß in vielerlei Hinsicht tatsächlich an ihrer Technik und an ihren Findungen etwas 'dran' ist." "Gerade weil die Hamburger Schule in vielen Einzelheiten 'erfolgreich' erscheint, hat sie bei aller Kritik und bei aller Vorsicht gegenüber den in ihr beschlossenen Ausuferungen weit mehr Resonanz verdient." S.251

    Die Rechenoperationen der Hamburger Schule sind abgeleitet von der klassischen Arbeit mit den Aspekten. Aspekte = Winkel = Differenzen. (Gleiche Differenzen, umwandelbar in gleiche Halbsummen, sind Planetenbilder!) Die HS-Technik unterscheidet sich von der Klassik in dieser Hinsicht nur dadurch, daß hier alle Winkel des Horoskops herangezogen werden können.
    Ob nun Aspektlehre oder Halbsummenbetrachtung: sind astrologische Berechnungen überhaupt astronomisch begründbar? Wohl kaum!
    Unsere Berechnungen gehen auf jeden Fall vor nach den Regeln mathematischer Gleichungen auf der Grundlage der Symmetriebrechung, und hier sei auf das Buch "Denkt Gott symmetrisch?" (s. Buchbesprechung ab S.??) hingewiesen, das die Grundlage unseres gesamten Universums von der Struktur eines Atoms bis hin zu den Galaxien durch gebrochene Symmetrie beherrscht sieht.


  8. Er greift auch die Frage nach Willensfreiheit oder Determination auf, die in den Schriften von Lefeldt eine Rolle spielt. Dieser schreibt in seiner Einleitung zur Methodik:"Wir sind metaphysisch restlos unfrei, psychologisch sind wir frei, d.h. wir handeln in dem Glauben, als wenn die Gedanken und Handlungen aus uns selber kämen." Er vergleicht die Beziehung des Menschen zu "seinen" Sternen mit der eines Radioapparates zu seinem Sender.

    Dieser fatalistischen Einstellung erteilt die Revidierte Klassik und mit ihr Schubert-Weller eine klare Absage. Eine völlige Ablehnung der Willensfreiheit unterstellt Schubert-Weller den Anhängern von Lefeldt wohl nicht, jedoch eine starke Ausrichtung auf das Finale.

    Die Frage Willensfreiheit oder Determination ist ein Grundproblem menschlichen Lebens, nicht beschränkt auf die Hamburger Schule und längst noch nicht gelöst.

    Auf den Astrologietagen 1992 in Berlin sprach Johannes von Buttlar über dieses Thema und erinnerte an die Palmblatt-Bibliothek in Indien, die er selbst besucht hat. Seine Frage, auf die er auch keine Antwort hatte: "Wie kann es tausendjährige Voraussagen geben, wenn das Schicksal nicht vorherbestimmt ist?"

    Sie sehen, das Buch bietet viel Anregung zum Nachdenken allein schon über die eigene Arbeit. Hinzu kommt der Blick über den Tellerrand! Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. bk

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